Stolz der Demut – Die Geschichte der baden-württembergischen Wirtschaft

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Bei all den “Hidden Champions”, den Weltmarktführern, Maschinenbauern und Autozulieferern wird oft vergessen, dass Stuttgart auch einmal Vorreiter in Stil und Ästhetik war: Eine junge Frau zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vor einem Konzepthaus in der Weißenhofsiedlung – und einem Cabrio hiesiger Fabrikation. – © Daimler AG

Wer zum Beispiel München den Rücken kehrt, um – aus welchen Gründen auch immer – in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart umzuziehen, darf sich auf allerlei Beileidsbekundungen gefasst machen. Woher auch immer dieser bieder-behäbig-langweilige Ruf stammen mag, der den Schwaben im besonderen und den Baden-Württembergern im allgemeinen einen festen Stammplatz in der untersten Vorurteilsschublade sichert, er ist längst nicht mehr zu halten. Das hat nicht nur, aber auch, mit dem alle Welt überraschenden und faszinierenden Wutbürger-Aufstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 zu tun. Aber nur am Rande.

Innovation, dein Name ist Baden-Württemberg. Aber notorisch wird hierzulande kaum Gewese um die eigene Spitzenleistungen gemacht. Oder, wie der feinsinnige Berthold Leibinger, der langjährige Chef des Laser-Spezialisten und Weltmarktführers Trumpf in Ditzingen den landestypischen, religiös fundierten Pietismus einmal karikierte: „Unser ganzer Stolz ist unsere Demut.“ Wer also in jenem Land sesshaft werden will, in dem vor 125 Jahren Carl Benz und Gottlieb Daimler das Automobil erfanden, tut gut daran, sich mit einem Dossier der Superlative gegen Beileidsbekundungen aller Art zu wappnen.

Der ausgewiesene Schwaben-Kenner und Mundart-Dichter Thaddäus Troll alias Hans Bayer hat die Vorzüge des Südwestens in diese Formel gegossen: „Der schwäbische Erwerbssinn, verbunden mit beharrlichem Fleiß, der Hang zur Unabhängigkeit und die Fähigkeit, sich in ein Problem zu verbeißen, es von allen Seiten anzupacken, der Drang zum Sinnieren und Tüfteln, die gute Schulbildung, die Tradition feinmechanischer Genauigkeit, die pietistische Verpflichtung zur Zuverlässigkeit und Gediegenheit haben den Schwaben zum Erfinder und Unternehmer prädestiniert.“ Dabei dürfen sich die Badener aus Karlsruhe und Freiburg, die Kurpfälzischen aus Mannheim oder Heidelberg und die fränkischen Heilbronner und Hohenloher um das Weltmarktführer-Nest Künzelsau herum gerne mit gemeint fühlen.

Wirtschaftsleistung Baden-Württemberg
Wirtschaftsleistung Baden-Württemberg

 

Nicht nur ist Baden-Württemberg mit knapp 15.000 jährlichen Patentanmeldungen Dauer-Spitzenreiter in Deutschland, das Land punktet auch mit der höchsten Forschungs- und Entwicklungsintensität und mit den meisten eingeworbenen Drittmitteln pro Professur. Schließlich wurden nicht von ungefähr auch das Streichholz (Friedrich Kammerer), die erste Rechenmaschine (Wilhelm Schickard), das Luftschiff (Ferdinand Graf von Zeppelin), das erste raketenbetriebene Flugzeug (Ernst Heinkel), Stichsäge und Motorsäge, die Schriftsetzmaschine, der Elektro-Rasierer (Johann Bruecker), der mobile Turmdrehkran (Hans Liebherr), und sogar die Hollywood-Studios von Schwaben erfunden. Letztere übrigens von Carl Lämmle, der in Los Angeles im Jahr 1912 die Universal Picture Studios gründete.

Aber an der Spitze der industriellen Export-Bewegung aus Baden-Württemberg befinden sich nach wie vor die Großen der Automobilindustrie: Daimler, Porsche, ein großes Audi-Werk und der weltgrößte Autozulieferer Bosch.