Die andere Seite

Das passiert, wenn die eine Seite - die Sprecher - der anderen Seite - den Journalisten - zu sehr hineinredigieren wollen: Der SPD-Politiker Olaf Scholz hatte derart herumgestrichen an einem Interview, das taz-Kollegen mit ihm geführt hatten, dass sie - zurecht verärgert - den ganzen Vorgang auf die Titelseite brachten.

Manche Journalisten, manche Pressesprecher glauben, dass sie nicht nur in derselben Branche arbeiten, den Medien, sondern auch an einem gemeinsamen Ziel arbeiten. Das stimmt – aber auch nicht. Nach dem Dafürhalten des WPC sind Journalisten und Medienarbeiter auf zwei verschiedenen Seiten, mit zwei unterschiedlichen Interessen. Die einen, die Journalisten, wollen möglichst das gesamte Bild recherchieren und veröffentlichen. Die anderen, die Pressesprecher, wollen meist das Image ihres Auftraggebers hochhalten. Sehr oft klappt das gut, sehr oft herrscht Vertrauen und Verständnis, gerade dafür dass es Aufgabe der Journalisten ist, eine Geschichte “zu bringen”, die den Betroffenen nicht unbedingt gefällt. Mitunter hakt es aber auch, gibt es Verstimmungen, deshalb wollen wir einige Vorgehensweisen darlegen, die helfen Konflikte zu vermeiden.

  1. Immer häufiger wird vor Wortlaut-Interviews danach verlangt, den gesamten Fragenkatalog vorab einzureichen. Der WPC findet, dass satisfaktionsfähige Gesprächspartner in der Lage sein sollten anhand eines groben Themenkataloges, auch auf spontane Fragen zu antworten.
  2. Manche Pressestelle verlangt, dass sie Wortlautinterviews im Nachhinein redigieren darf. Diese gelegentlich vorkommende Praxis, die außerhalb Deutschlands verpönt is widerspricht dem Selbstverständnis des WPC. Es machten sich zwar immer mal Initiativen im deutschen Journalismus anheischig, diese ungeschriebene Regel abzuschaffen, aber bis heute vergeblich. Wenn Interviewte aber nicht nur ihre Antworten verstromlinien, sondern auch noch Fragen der InterviewerInnen streichen, ist die Zensur perfekt. Die Alternative sind Berichte, die eher auf Gerüchten und Spekulationen beruhen – ein Zustand, den letztlich keiner schätzen würde.
  3. Auch nach Gesprächen mit Unternehmens-Vorständen, Geschäftsführern oder selbst Bereichsleitern ist es mittlerweile Usus geworden, dass vor Veröffentlichung des durchgeschriebenen Textes eingeflochtene, wörtliche Zitate von Pressesprechern zur Freigabe angemahnt werden. Die Mitglieder des WPC kommen dem gerade bei Zeitnot nicht immer nach – können es auch nicht. Das ist aber auch nicht ungewöhnlich: Bei Hörfunk- oder Fernsehinterviews kommt ja auch niemand auf die Idee, noch einmal vor Ausstrahlung den Beitrag anzuhören oder anzuschauen wollen. Wobei dies ein weiterer Kritikpunkt ist: Immer seltener geben Wirtschaftsleute elektronischen Medien Interviews, weil den Beratern und Pressesprechern offensichtlich der Mut vor dem “Live” fehlt. Wir denken: Gutbezahlte Manager müssen dazu in der Lage sein und das natürlich auch Teil ihres Aufgabenprofils ansehen – und ihre Pressesprecher sollten das nicht unsouverän unterbinden.
  4. Die Arbeit klappt umso besser, wenn Pressesprecher vor allem ihre ureigenste Aufgabe ernst nehmen, nämlich bei Anfragen möglichst „zeitnah“ mit der Presse zu sprechen, möglichst ohne langwierige Vermittlung und Themenanmeldung durch ihre Sekretariate. Handynummern zeugen von der Bereitschaft zur Kommunikation, allgemeine E-Mail-Adressen in Form von pressestelle@ dagegen nicht. Ebenso sollte es für professionelle Öffentlichkeitsarbeiter auch möglich sein, einfache Fragen auf Zuruf zu beantworten. Wer andauernd selbst simple Fragen per E-Mail bekommen will, behindert die Arbeit der Journalisten. Und grundsätzlich gilt: ein, zwei Stunden sollten ausreichen, um für eine simple Frage eine schnelle, präzise Antwort zu finden.